Bericht über die 225. Geburtstagsveranstaltung  C. Sealsfield in Wien

 

Am 1. März 2018, anlässlich der 225. Wiederkehr des Geburtstags von Karl Postl / Charles Sealsfield, fand im Tschechischen Zentrum Wien, Herrengasse 17, eine Veranstaltung unter dem Titel „Charles Sealsfield – Enigma der Weltliteratur“ statt, die von regem Publikumsinteresse geprägt war.

Der Direktor des Zentrums, Dr. Mojmír Jeřábek, leitete den Abend mit folgenden Worten ein:

Vor 225. Jahren wurde der Schriftsteller Charles Sealsfield geboren. Und vor fünf Jahren ist es unter der Patronanz der Österreichisch-Tschechischen Gesellschaft gelungen, mittels einer Generalsanierung sein Geburtshaus in Poppitz bei Znaim zu retten. 

Heuer wird im Tschechischen Zentrum in Wien sein 225. Geburtstag mit Vorträgen von zwei profunden Experten gefeiert: Herrn Univ.-Prof. Dr. Jiří Munzar, Professur auf der Brünner Masaryk-Universität auf dem Gebiet „Geschichte der deutschen Literatur“, sowie Herrn ao. Univ.-Prof. Mag. Dr. Wynfrid Kriegleder, Lehrstuhl auf der Uni Wien im Bereich „Neue deutsche Literatur“.

Beide Herren werden aus Ihrer Sicht den einer südmährischen Weinbauernfamilie entstammenden geheimnisumwitterten und unter mehreren Pseudonymen tätigen Schriftsteller und Reiseautor durchleuchten und für einen interessanten Abend sorgen.  Der Schauspieler Gottfried Riedl, langjähriger künstlerischer Leiter der Nestroy-Theater-Company, wird Texte aus Sealsfields Werken lesen.

Im ersten Teil des Abends entwarf Jiří Munzar in seinem Vortrag den amerikanischen literarischen Hintergrund für Sealsfields Romanproduktion. Die USA hatten sich zwar 1776 von Großbritannien für unabhängig erklärt, blieben aber lange noch in literarischer Hinsicht eine Kolonie. Philip Freneau und Charles Brockden Brown waren die ersten amerikanischen Autoren, die zaghaft amerikanische Themen in ihre Texte aufnahmen. Die literarische Unabhängigkeitserklärung geschah aber erst mit James Fenimore Cooper, dem Verfasser der Lederstrumpf-Romane, und Washington Irving, dem Verfasser des „Sketch-Book“. Beide Autoren sind für Sealsfield wichtig: Irving wegen der Form des Skizzenbuchs, das auch Sealsfield übernahm, Cooper wegen seines Themas: das Leben an der amerikanischen „frontier“, der Grenze zwischen Zivilisation und Wildnis.

Im Jahr 1844 wurde in amerikanischen Zeitungen plötzlich bekannt, dass es in Europa einen Schriftsteller namens „Seatsfield“ gebe (der Name wurde falsch geschrieben), von dem manche Kritiker meinten, er sei der größte lebende amerikanische Autor. Die Bücher wurden nun blitzschnell aus dem Deutschen ins amerikanische Englisch übersetzt, erreichten eine Riesenauflage, und die Zeitungen waren voll mit Artikeln über die Frage: Wer ist dieser geheimnisvolle Seatsfield? Die Frage konnte natürlich nicht beantwortet werden.

Sealsfields Romane blieben in den Vereinigten Staaten bis zur Zeit des Bürgerkriegs, also bis die 1860er Jahre, populär; erst dann wurden sie von dem sich ändernden literarischen Geschmack verdrängt.

Zum Abschluss lieferte Jiří Munzar einen kurzen Blick auf die Rezeption Sealsfields in der Tschechischen Republik, die eigentlich erst nach der Wende von 1989 begann. In jüngerer Zeit wurden aber einige Bücher übersetzt, und einige wissenschaftliche Konferenzen fanden statt. Für Oktober 2018 ist eine internationale Tagung an der Prager Karlsuniversität geplant.

 

Den zweiten Teil des Abends gestalteten Gottfried Riedl und Wynfrid Kriegleder. Zuerst las Gottfried Riedl eine bezeichnende Passage aus der deutschen Übersetzung von Postls/Sealsfields satirischem Buch Austria As It Is, das 1827 anonym in London erschien und die Verhältnisse im Metternich-Staat scharf kritisierte. Dann lieferte Wynfrid Kriegleder einen kurzen biographischen Abriss des Verfassers: Die Geburt Karls Postls 1793 in Poppitz, das Theologiestudium in Prag, die klerikale Karriere bei den Kreuzherren vom Roten Stern, die unerklärliche Flucht im Jahr 1823. Kriegleder betonte, dass die Forschung bis heute über viele der folgenden biographischen Details nicht ausreichend informiert ist. Er erwähnte Postls Flucht in die USA, wo er den Namen Charles Sealsfield annahm, seine Rückkehr nach Europa im Jahr 1827, seine zweite USA-Reise, seine Kontakte zu Joseph Bonaparte, seine zweite Rückkehr nach Europa 1831, seine Ansiedlung in der Schweiz, seine ungeklärte Tätigkeit als Agent für die bonapartistische Partei. Nach seiner zweiten Rückkehr begann jedenfalls Sealsfields literarische Karriere, die ihn wenige Jahre später auch in den USA bekannt machte. Für die literarische Öffentlichkeit, die kaum etwas über ihn wusste, stand immer fest, dass er ein amerikanischer Schriftsteller sein müsse – freilich ein Amerikaner, der in deutscher Sprache schrieb. Sealsfield lebte die letzten Jahre seines Lebens in Solothurn in der Schweiz, wo er 1864 starb. Erst aufgrund der Testamentseröffnung – er vermachte sein beträchtliches Vermögen den Nachkommen der Familie Postl aus Poppitz bei Znaim – wurde klar, dass der verstorbene amerikanische Schriftsteller Charles Sealsfield, „the greatest American author“, in einem früheren Leben der katholische Priester Karl Postl aus Poppitz bei Znaim gewesen war.

Gottfried Riedl las anschließend eine Passage aus Sealsfields Lebensbildern aus der Westlichen Hemisphäre, eine schwül-erotische Szene aus Louisiana, die sowohl die literarische Begabung Sealsfields als auch seine problematische Weltanschauung deutlich machte. Wynfrid Kriegleder erläuterte daraufhin einige der Kennzeichen von Sealsfields Romanen, vor allem seine Tendenz, in den US-amerikanischen Südstaaten, in der von der Sklavenwirtschaft beherrschten agrarischen Welt der großen Plantagen, eine ideale Gesellschaftsform zu finden. Kriegleder wies allerdings darauf hin, dass Sealsfield, obwohl ideologisch der Sklavenwirtschaft nicht abgeneigt, als Romancier ehrlich genug war, die Widersprüche dieser Gesellschaftsordnung zu beschreiben.

 

Nach einigen Fragen aus dem Publikum, etwa zu Sealsfields Einstellung gegenüber den amerikanischen Ureinwohnern, ließen die Teilnehmer bei einem großzügigen Buffet und mit vielen Gesprächen den gelungenen Abend ausklingen.

 

Bilder von der Veranstaltung können Sie hier ansehen (von Dr. Helga Löber zur Verfügung gestellt), weitere Fotos (© CZ Zentrum Wien) finden Sie hier.